Wenn Maschinen allergisch reagieren
Festo unterstützt technische Kunst zur Ars Electronica
Niesen – die kaum zu unterdrückende, menschliche Reaktion gehört zu den vielschichtigen, ungeliebten Auswirkungen einer Allergie. Umso ungewöhnlicher, wenn eine Maschine allergisch reagiert und niest. Ein aufsehenerregendes Projekt im Rahmen des Ars Electronica Festivals 2010 – Automatisierungsspezialist Festo unterstützt das technische Kunstwerk mit luftigen Industriekomponenten.
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Viele von uns kennen das, wenn ständig die Nase läuft und dann »Haaaaaaaatschi«, zerreist es einen regelrecht. Insbesondere in der Sommerzeit ist es jedoch oft keine Verkühlung, sondern weitaus häufiger eine Allergie, die Menschen zu schaffen macht. Neu ist, dass auch Maschinen allergisch reagieren können, und zwar – wie sollte es auch anders sein – natürlich auf uns Menschen. Der Künstler Hugo Martinez-Tormo zeigt während des Ars Electronica Festivals 2010 – im Rahmen der Ausstellung des Bereichs Interface Culture der Kunst-Uni Linz – wie das geht.
Ars Electronica wird 31
Seit über drei Jahrzehnten lädt die Ars Electronica alljährlich zur künstlerischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Phänomenen, die aus dem technologischen Wandel hervorgehen. In Form von Symposien, Ausstellungen, Performances und Interventionen wird das Thema über klassische Konferenz- und Kulturräume hinaus in die ganze Stadt Linz und den weiteren öffentlichen Raum getragen. Vom Linzer Hafen über Bergstollen, von Industriehallen zu Klöstern in der nahen Umgebung wurden und werden immer wieder ungewöhnliche Orte bespielt und in Performances und Interventionen eingebunden oder dadurch umgedeutet.
Ars Electronica 2010: Gedanken
Man sagt, dass alle Menschen zusammen etwa gleich viel Gewicht auf die Waage bringen würden wie alle Ameisen und das, so schätzt man, ist gerade einmal ein halbes Prozent der Biomasse auf diesem Planeten. Etwa 6.815.500.000 gibt es schon von uns, und jede Sekunde wächst die Weltbevölkerung um weitere 2,5 Menschen. In den etwa 200.000 Jahren seit seinem Erscheinen hat der Homo Sapiens die Erde meist rücksichts- und gedankenlos verändert. Doch in letzter Zeit haben wir in vielen Bereichen kritische Points of no Return überschritten und es hilft nicht mehr, vor den Gefahren, die uns drohen, nur zu warnen – denn wir stehen schon längst mitten drinnen. Das trifft auf den Klimawandel und die Umweltzerstörung genauso zu, wie auf die Arglosigkeit, mit der wir uns in eine digitale Überwachungs- und Kontrollgesellschaft begeben haben. Wir können nicht zurückgehen, an den Anfang, sondern müssen dort weitermachen, wo wir stehen. Aber unter anderen Prämissen. Mit dem Mut, die Dinge ganz anders zu tun und Systeme, Verhaltensweisen auch an ihren Wurzeln zu ändern, dagegen zu rebellieren.
repair – sind wir noch zu retten
2010 geht das Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft – Ars Electronica – auf die Suche nach Auswegen und wendet sich an die Pioniere unserer Zeit. Keine Abenteurer, die einfach drauflos segeln. Sondern Visionäre, die mit hohem Fachwissen, sehr viel Kreativität und Idealismus an einer alternativen Zukunft arbeiten. »repair« lautet der Titel des diesjährigen Festivals, das sich diesen Wegbereitern anschließt und die kollektive Nachahmung empfiehlt. Repair heißt auch wiedergutmachen, heilen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und an die eigene Entwicklungsfähigkeit zu glauben. Wer repariert, hat Zukunft – zentrales Thema, mit dem von 2. bis 11. September 2010 das Werksareal der ehemaligen Tabakfabrik Linz bespielt wird. Der von Peter Behrens und seinem ehemaligen Schüler Alexander Popp in den 1930er Jahren errichtete Bau gilt heute als eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Österreichs.
Interaktion versus Isolation
Die vom Künstler Hugo Martinez-Tormo in der Tabakfabrik gezeigte Installation ist eine Anlage, die auf sich nähernde Menschen durch allergisches Niesen reagiert. Dieses Projekt zielt darauf ab, den Menschen von einem körperlichen und psychologischen Standpunkt her abzubilden. Einerseits durch färbige Taschentücher, deren Farben sich auf die Kleinstbausteine des menschlichen Körpers beziehen. Sie repräsentieren das Licht, das die Atome des menschlichen Körpers abgeben, und zwar bei allen Menschen gleich, unabhängig von allen Äußerlichkeiten – denn wir sind alle aus dem gleichen Material, wir sind alle gleich. Andererseits gibt es jedoch immer mehr Fälle von Sozialphobie, Soziallokalisierung oder Menschen, die Sozialinteraktion weitgehendst meiden – ein zunehmend wichtiges Thema im 21. Jahrhundert. Anschauliches Beispiel sind die jungen japanischen »Hikkikomoris«, die teilweise Jahre lang in ihrer Wohnung bleiben und nur über das Internet mit der »Außenwelt« in Verbindung treten. Künstler Hugo Martinez-Tormo: „In meiner nanorealistischen Installation werden das Niesen und die Allergie als Metapher für das Sozialverhalten von Menschen verstanden, mit dem Ziel, das Bild einer Gesellschaft zu zeichnen, in der Individuen immer mehr zur Isolation neigen“.
Luftiges Niesen
Kommt ein neugieriger Besucher der »Nieswand« zu nahe, reagiert diese sensorgesteuert »allergisch« – sie niest. Dabei heben sich wie von Geisterhand bewegt die färbigen Taschentücher und das staunende Gegenüber spürt den Luftstoß des Maschinen-Niesens begleitet von hauchfeinen Wassertröpfchen – eben ganz wie beim Niesen eines Menschen. Die luftigen Komponenten für das Niesen der Anlage kommen aus der industriellen Pneumatik. Zur Verfügung gestellt wurden sie vom Automatisierungsspezialisten Festo.
Pneumatik von Festo
Zum Einsatz kommt unter anderem ein direkt gesteuertes Magnetventil (druckentlastetes Sitzventil MHE4), das die Druckluftimpulse regelt, von denen die Taschentücher bewegt werden. Ein weiteres Magnetventil (Typ VZWM) ist für die Freigabe der Wassermenge in den Sprühdüsen verantwortlich. Schalten nun beide Ventile, erfolgt ein feuchtes Niesen – schaltet nur das für die Druckluft verantwortliche Ventil, ist trockenes Niesen möglich. Die Stärke des Luftstrahls an den Düsen kann mithilfe eines Druckreglers (Serie D) und einer Drossel reguliert werden. Damit auch das Wasser für die feinen Tröpfchen zuverlässig in den Leitungen transportiert werden kann, erfolgte die Verschlauchung an der Rückseite der Anlage mit hydrolysebeständigem Polyurethanschlauch (PUN-H).
Ing. Wolfgang Keiner, Geschäftsführer Festo Österreich: „Nach den Flugmaschinen Humphrey I und II, sowie einer virtuellen Seilzug-Anlage im letzten Jahr, freuen wir uns, heuer dieses ungewöhnliche Projekt unterstützen zu dürfen. Standard-Industriekomponenten in gesellschaftskritischer Kunst – das ist eine wirklich seltene Kombination.“
www.aec.at
www.hugomartineztormo.es
www.interface.ufg.ac.at
www.festo.at
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